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Greenkeeper der Wölfe

DIE RASENFLÜSTERER

Greenkeeper der Wölfe bei der Arbeit

Die Volkswagen Arena ist das berufliche Zuhause von Klaus Peter Sauer, seit 2015 Leiter Platzpflege beim VfL Wolfsburg. Wir hatten die große Freude Peter Sauer zu einem Gespräch in der Volkswagen Arena zu treffen. Lesen Sie hier das vollständige Interview, ein Gespräch über Rasen, Fußball, Leidenschaft.

Zuhause: Herr Sauer, Sie sind seit 2015 leitender Greenkeeper beim VfL Wolfsburg. Greenkeeper, was reizt Sie an dem Beruf?

Peter Sauer: Wissen Sie, meine Eltern hatten einen großen Spargelbaubetrieb im Heidelberger Raum. Der Großteil der Spargelfelder lag am Golfclub. Ich habe bei meiner Arbeit auf den Spargelfeldern den Rasen vom Golfclub jeden Tag gesehen. Ich fing an, mich für den Rasen und seine Pflege zu interessieren und begann als gelernter Chemikant mit meiner Zusatzausbildung zum Greenkeeper. Meine Ausbildung zum Greenkeeper beendete ich 1999, meine Zusatzqualifikation zum ‚Turfmanager‘ 2006 in den USA. Eigentlich war und ist es der perfekte Job für mich: ich liebe Fußball und die Arbeit draußen, schon immer. Und so kam der Quereinstieg, der mich über den Spargelbaubetrieb meiner Eltern mit Feldern neben dem Golfclub zum Fußballrasen führte. Die Rasenpflege im Profisport ist eine Wissenschaft für sich und ich habe sehr schnell so viel gelernt, das hat mir sehr viel Spaß gemacht.

Zuhause: Ihre erste Stelle als Greenkeeper war dann wo?

Peter Sauer: Ich habe 1996 bei der TSG 1899 Hoffenheim als Platzwart angefangen. Ab 2000 war ich dort Leitung Golfclub und Fußball. Da war Hoffenheim noch in der Oberliga. Ich habe 2007 den Aufstieg von Hoffenheim in die 2. Bundesliga und 2008 den Aufstieg in die Bundesliga live miterlebt. Das bedeutete für den Verein große Veränderungen. 2009 bekamen wir ein neues Stadion, die Rhein-Neckar-Arena, jetzige PreZero Arena. Für den Verein bedeutete dies eine wahnsinnig schnelle Entwicklung. Das war eine interessante Zeit.

Zuhause: 2015 sind Sie dann zum VfL Wolfsburg gewechselt: Wie kam das?

Peter Sauer: Der vorherige Greenkeeper, Matthias Eichner, wechselte zu RB Leipzig. Wir kennen uns. Und er fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte für den VfL zu arbeiten. Man hat sich unterhalten, sich getroffen und dann habe ich den großen Schritt gemacht und bin hierhergekommen.

Zuhause: Und passt?

Peter Sauer: Ja, und wie! Toller Verein und ein richtig super guter Club zum Arbeiten!

Zuhause: Was schätzen Sie am VfL?

Peter Sauer: Das fängt damit an, dass wir schon eine tolle Infrastruktur haben und wir zudem die Möglichkeit haben, uns immer weiterzuentwickeln. Man darf nicht vergessen: Wir als VfL Wolfsburg sind ja auch Teil der Volkswagen AG. Deshalb sind die Strukturen auch sehr klar. Außerdem schätze ich die kurzen Wege, die gute Kommunikation, die Offenheit und das Kollegiale, das Miteinander. Das sind Dinge, die hier gelebt werden. Der VfL ist ein richtig guter Arbeitgeber. Ich arbeite leidenschaftlich gerne hier.

Zuhause: Woher kommt diese Leidenschaft? Was treibt Sie an?

Peter Sauer: Was treibt einen an, seinen Job gut zu machen? Was treibt mich an, dass der Rasen so aussieht, wie er aussieht? Wir versuchen immer ein Spielfeld perfekt bespielbar zu machen. Ich glaube, wenn man so einen Job macht, braucht man vor allem Leidenschaft. Sonst bist du hier fehl am Platz. Wir wollen den Spielern und Trainern den Platz in einem sehr guten Zustand zur Verfügung stellen. Dann kommen die Spieler raus und können unter den besten Bedingungen darauf Fußball spielen. Wir müssen gucken, dass wir einen super korrekten Platz haben, egal, ob Sommer oder Winter. Klar sind wir im Winter ein bisschen weniger auf den Trainingsplätzen. Das hier, das Stadion, muss perfekt sein. Das ist wichtig für die Spieler.

Zuhause: Wie wichtig ist Ihnen der Austausch, die Kommunikation mit den Spielern?

Peter Sauer: Absolut wichtig. Das ist auch das, was hier überragend ist. Wirklich richtig gut. Man hat hier ein hervorragendes Verhältnis zu den Spielern. Kommunikation ist ein sehr wichtiger Bestandteil, weil da weiß man auch, dass man auf dem richtigen Weg ist. Wir sind permanent im Austausch. Es nützt ja zum Beispiel nichts, wenn man jetzt den Rasen höher wachsen lässt. Und man denkt, das ist super für den Rasen, aber die Spieler können schlechter trainieren. Wenn da keine Kommunikation da wäre, das wäre schlecht. Die Spieler, unser Trainer, Bruno Labbadia und sein Team achten sehr auf die Plätze. Die schonen die Plätze, das muss man schon sagen. Und du wirst auch wahrgenommen als Greenkeeper. Die Zusammenarbeit mit Trainerstab und der sportlichen Leitung ist auch sehr, sehr gut. Außerdem stimmt die Organisation. Wir haben super Standards und Abläufe hier.

Zuhause: Sie sprechen die Organisation an. Wie sieht die Organisation an Spieltagen aus? Was sind die Standards, die Sie und Ihr Team erledigen, bevor das Spiel losgeht? Was wird nach dem Spiel gemacht?

Peter Sauer: Vor dem Spiel ist es so, dass wir morgens den Platz mähen und nochmal nachsähen. Und in den hochfrequenten Räumen, wie vor den Toren, wird nochmal extra Saatgut verteilt. Wenn das Wetter sehr trocken ist, wird auch gewässert. Wenn der Platz feucht ist, dann rollt der Ball besser. Außerdem wird permanent ausgebessert. Und nach dem Spiel wird wieder gemäht. Und die Beleuchtungsanlage aufgestellt. Das ist extrem wichtig hier, weil manche Stellen nicht hinreichend Sonne abbekommen.

 

»MAN KANN ALS CHEF IMMER NUR SO GUT SEIN WIE DAS TEAM.«

 

Zuhause: Und während der Spiele sind Sie immer hier im Stadion?

Peter Sauer: Ja, mein Team und ich stehen beim Spiel immer dahinten zu sechst am Marathontor. Wir machen dann die Arbeiten, wie Löcher in der Pause zu schließen oder kosmetische Arbeiten auf dem Platz. Es muss alles sehr schnell gehen. Aber wir sind ein eingespieltes Team, wo jeder weiß, was der andere macht. Da gibt es keine großen Überraschungen.

Zuhause: Ein funktionierendes Team ist in dem Job sehr entscheidend, oder?

Peter Sauer: Genau! Was mir immer sehr wichtig ist: das bin nicht ich allein. Das ist das Team. Ich bin nur Teil des Teams. Man ist als Chef immer nur so gut, wie das Team, das darf man nie vergessen. Ich habe das nicht gerne, dass ich im Vordergrund stehe. Ich bin ein Teil des Teams. Ich arbeite mit. Bin mit den Jungs auf dem Platz und mähe, wässere und streue Dünger. Ich habe Personalverantwortung für 14 Festangestellte und zwölf Aushilfskräfte. Wenn ich nicht so ein gutes Team hätte, wäre der Platz nicht so gut, wie er ist. Da lege ich viel Wert drauf. Das ist genauso wie beim Fußball, funktioniert nur mit einer guten Mannschaft. Bruno (Labbadia) war zum Beispiel nach der Winterpause bei meinen Jungs drin und hat gesagt: Super Arbeit, die ihr hier macht. Danke euch für die super Leistung. Dieses Danke, diese Wertschätzung liegt mir wirklich am Herzen.

Zuhause: Fußball liegt Ihnen auch am Herzen.

Peter Sauer: Ich bin ein großer Fußballfan, immer schon gewesen. Ich habe selbst auch Fußball gespielt. Zwar nicht so gut, aber ich weiß, wie der Ball auf Rasen rollt. Außerdem war ich bei vielen Spielen, habe viele Stadien gesehen. Die Arbeit hier und der Fußball, der Verein, das ist meine Leidenschaft. Ich fahre auch gerne mit zu Auswärts- oder zu internationalen Spielen. Mir persönlich bedeutet das alles hier sehr viel. Ich liebe Fußball. Und wenn ich dabei sein kann und so was hier mitverantworte – das ist für mich das Größte. Was will ich mehr?

Zuhause: Was waren die Highlights, die Sie beim VfL miterleben durften?

Peter Sauer: Als ich hier angefangen habe, haben wir in der Champions League gespielt und 2:0 gegen Real gewonnen. Also, wenn das kein Highlight ist, dann weiß ich es auch nicht. Außerdem hatten wir Manchester United hier. Bastian Schweinsteiger hat auf unserem Rasen gespielt. Was willst du mehr? Oder Länderspiele, da kommen die besten deutschen Spieler. Das sind für mich Highlights. Oder die „Nichtabstiegsfeier“ 2018 nach dem Relegationsspiel gegen Braunschweig. Das sind so schöne Momente, die wir niemals vergessen werden.

Zuhause: Das war eine harte Saison, oder?

Peter Sauer: Und wie! Das war echt heftig. Aber die Feier danach, dieses Lockere, diese Erleichterung, das war sagenhaft. Ich glaube am Tag danach, da ist keiner morgens um 8 Uhr im Büro gewesen. Das sind so Dinge, die sind einmalig. Und dieses Jahr: fantastisch, was wir dieses Jahr erreicht haben. Das tut dem ganzen Verein gut. Dass man weiß, wir müssen nicht zittern, weil wir nicht wissen, ob wir erste oder zweite Liga spielen.

Zuhause: Ein weiteres berufliches Highlight dürfte die Betreuung der Trainingsplätze der deutschen Nationalmannschaft in Campo Bahia/Brasilien während der WM 2014 gewesen sein.

Peter Sauer: Stimmt. Einmalig! Sowas gibt es wahrscheinlich nur einmal im Leben. Wir haben da von morgens bis abends gearbeitet. Aber es war eine gigantische Erfahrung. Ich habe mit zwei Brasilianern, die kein Englisch konnten, über eine Übersetzungs-App kommuniziert. Wir haben uns super verstanden und uns um den Rasen gekümmert, auf dem unsere Nationalspieler trainiert haben. Sagenhaft! Und was den Rasen angeht, da sind auch andere Gräser, sogenannte „Warm Saison Gräser“. Die verhalten sich komplett anders, als unsere Gräser. Aber nicht nur der Rasen ist anders. Die Mentalität der brasilianischen Kollegen, die Sonne, das Zusammensein. Das war eine sehr schöne Zeit. Und das beste zum Schluss: wir sind Weltmeister geworden.

Zuhause: Waren Sie auch bei den Spielen dabei?

Peter Sauer: Nein, ich war nur im Campo Bahia. Aber ich habe da viel erlebt. Wir vom erweiterten Staff haben in einer Unterkunft neben der der Nationalmannschaft geschlafen. Nebendran im Hotel, wo auch die Presse war. Das war schon großartig. Was willst du mehr?

Zuhause: Vielleicht zum Ende des Interviews noch eine besondere Anekdote aus Brasilien.

Peter Sauer: Oh ja, da gibt es eine. Ich habe den sogenannten Freistoßtrick von Thomas Müller gegen Algerien im Training im Campo Bahia gesehen. Der Trick, bei dem Thomas Müller so tut, als ob er hinfällt, um die gegnerische Mannschaft zu verwirren. Das wurde trainiert. Und an dem Tag bin ich abends nach Hause geflogen. Zuhause angekommen erzähle ich meiner Frau davon und sage, so einen Trick können die nicht bringen. Und was soll ich sagen? Abends saß ich da vor dem Fernseher und Thomas Müller stolpert beim Freistoß und jeder fragte sich seinerzeit: ist das einstudiert? Abgesehen davon, dass der Trick bei dem Spiel gegen Algerien nicht so richtig funktionierte, war es cool, Thomas Müller wieder den Trick machen zu sehen. Diesmal bei einem echten WM-Spiel, nicht im Training, dafür aber im Fernsehen.

Zuhause: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Peter Sauer: Gerne, hat mir Spaß gemacht.

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